Sonntag, April 29, 2007

Rollentausch an der Elbchaussee

Es ist Freitag 16.30 Uhr und ich steige ins Auto. Wir machen die Musik an, die uns in Hamburg erwarten wird und stellen fest das vieles live viel besser ist. Der Verkehrsfunk teilt uns 12 km Stau vor Hamburg mit. Wir fahren auf die Tankstelle. Während C. tankt, frage ich an der Kasse nach einer Schere, da ich die Kleiderbügelbänder an meinem Oberteil rausschneiden möchte. Kleiner Lacher für die anderen Leute in der Warteschlange. Wir umfahren den Stau, weil wir frühzeitig abfahren. Komme diesmal aus Richtung HH-Harburg. Alles verläuft so wie es eben verläuft.
Als wir dann auf St.Pauli zufahren und ich die ersten Fans in Richtung Stadion gehen sehe, werde ich ganz unruhig. Wir fahren am Heiligengeistfeld vorbei, ich werfe dem Millerntor viele Kusshände zu und sage laut "Bitte Jungs ihr müsst das schaffen". Wir fahren durch die Budapester vorbei am Jolly Rogers. Mein Herz springt aufgeregt, weil es das Leben spürt. Ich atme tief durch und zeige C. das Schanzenviertel. Wir fahren weiter nach Altona und bekommen sofort einen Parkplatz direkt vor dem Laden. Der Tourbus steht schon da. Wir freuen uns und gehen erstmal auf die Toilette im gegenüberliegendem Tussitoaster. Noch eine halbe Stunde bis zum Einlass. Ich hasse das. Es kommen immer mehr Leute (15-25 jährige Mädels) und wir fühlen uns falsch an diesem Ort. Wir beschließen ein wenig spazieren zu gehen. Auf dem Rückweg, der über die Hauptstraße führt, wo auch der Tourbus steht, holt der Vorgruppensänger seine Gitarre. Erkennt uns, bleibt kurz stehen und es wird oberflächliches Blabla wie
" Wir sehen uns dann drinnen" geredet.
Einlass. Oh, es sind auch einige Männer da. Wir stehen ziemlich weit vorne, da auch nicht so viel los ist. Wieder eine Stunde warten. Ich gucke nervös auf mein Handy, denn St.Pauli spielt. Bin mehr im Stadion, als in der kleinen Halle. Um uns nur Teenies. Doch aufeinmal erblickt C. eine junge Frau, die wir von anderen Konzerten kannten. Sie gesellt sich zu uns und wir stellen fest, dass wir alle Jahrgang 76 sind.
Vorgruppe fängt an. Dieses Mal finde ich ihn nicht toll. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich bisher nur das Demotape habe. C. kommt auch nicht in Stimmung. Nach einer weiteren halben Stunden fängt die Band an. Es folgen Lieder die ich alle kenne, aber nie wirklich beachtet habe. Ich frage mich was ich da eigentlich mache. Nun erblickt uns der Drummer während er spielt. St.Pauli hat gewonnen.
Die Band spielt und spielt und spielt. Wir springen mal mit und mal hängen wir nur rum. Mir ist es unangenehm, da die Band sehr viel mit dem Publikum kommuniziert und dabei ständig den Blickkontakt sucht. Ich gucke verlegen weg. Was ist los? C. geht es genauso. Der Funke ist heute nicht da. Es ist ok, aber mehr auch nicht. Wir beschließen nicht mehr weiter als Hannover oder Hamburg zufahren um diese Band zusehen. Während des Gitarrensolos bekomme ich aufeinmal Sehnsucht nach richtigem Punkrock oder einfach nur lauten Gitarren. Mir war nicht nach lauwarmer Musik. Als der Mann an den Tasten sein Solo spielt, überkommt mir ein leichter Schauer, der sich wie eine streichelnde Blüte auf meiner Haut anfühlt. Bei den letzten Zeilen des Konzertes muss ich etwas lächeln.

"Ihre Bude wirkt so angenehm häuslich
All der Krempel passt zu ihr
sie bemerkt nicht wie sie hitzig über Zeuch spricht
für das ich mich nich interessier.
Das das nicht meine Welt ist wird mir deutlich
doch irgendwie bin ich fasziniert..."


Konzert ist vorbei. Wir bestellen uns noch etwas an der Bar bevor wir wieder fahren. Stehen in der Halle. Der Drummer kommt auf uns zu und es wird wieder Oberflächliches geredet. Wir gehen an die Luft und steigen ins Auto. Fahren in Richtung Elbchaussee. Das Handy von C. hat eine Nachricht von dem Mann, den sie in 2 Wochen heiraten wird. Sie ruft zurück. Erzählt, dass wir noch etwas Essen gehen etc. Ich merke wie froh ich bin keinem zu erzählen wie lange ich jetzt noch weg bleibe, und wo ich bin und was ich gemacht habe. Elbchaussee bei Nacht. Wir fahren runter bis an die Elbe. Die Lichter des Hafens und der Stadt glitzern uns entgegen und wir bleiben stehen. Denken uns Geschichten zu den Leuten, die in den dicken Villen wohnen aus. Ich kann diese Stimmung gar nicht beschreiben. Es war alles so selbstverständlich und doch so voller Erfüllung. C. fängt an über ihre Hochzeit zu sprechen. Sie stellt die typischen Fragen, die man wohl so kurz vor der Hochzeit eben nur stellen kann. Ich versuche ihr Mut zu machen. Und aufeinmal kommt ein Satz von ihr, auf den ich nicht unbedingt gewartet habe, aber der mich mehr als jedes Konzert an diesem Abend erfühlt: " Süße, darf ich jetzt mal was verdorbenes sagen? Du lebst wenigstens deine Träume aus" Wuuuuuuuuummmms! Habe ich da richtig gehört? Das von C. Sonst bin ich doch immer die , die sich neben all den Leuten in ihrem Umkreis wie ein kleines Mädchen fühlt. Ich, die noch keinen Partner hat und durch die Gegend tingelt, wo Hochzeit, Kinder und Eigenheim weit entfernt sind. In diesem Augenblick merke ich wie meine Freundin, die sonst immer Frau zu seien scheint, auch nur mal wieder ein kleines Mädchen seien will. Und ich fühle mich so erwachsen wie nie zuvor, denn ich weiss das ich Beides abrufen kann. Was für eine schöne Eigenschaft.
Wir fahren auf die Autobahn. Noch einmal sehen wir uns an den Lichtern des Hafens satt. Ich fühle Zufriedenheit in mir und Freude auf das was noch kommen wird. Verzeihe mir und den Anderen. Fernweh ist was intensives, welches ich nie missen möchte. Ich liebe diese Gefühlswelt in mir. Wie langweilig wäre es einfach nur wie ein kleines Pendel zu leben. Keine großen Schwingungen, einfach nur so ein Leben das ok ist.
Den Rest des Weges unterhalten wir uns über Musik und Fernsehen. Ich komme in meine Wohnung und falle glücklich ins Bett.

Frage: Weiß jemand von euch , wie die Sendung hieß, die am Anfang immer dieses " pop, pop,popmusic" spielte? Wir sind nicht drauf gekommen.


Das schöne Video von Maritime verzaubert meine Sinne und kommt meinem Fernwehgefühl ziemlich nahe.

Kommentare:

Fuu hat gesagt…

maritime sind super. <3 und natürlich hat sie mir mein lieber torsten nahgebracht. wer auch sonst. irgtendwann sollte mir mal ein mann wie torsten, nur in "mit-fuu-beziehungs-kompatibel" vor die füße fallen. dann könnten wir zu maritime tanzen und uns freuen =D

wie du siehst, ich lese hier noch. niemand ist vergessen.
liebe grüße aus dem schönen franken, wo ich mich grad mit viel studium, leben-in-den-griff-kriegen, und ner dicken erkältung rumschlage.

christoph hat gesagt…

war die sendung nicht vielleicht ronnys popshow? aber ganz sicher bin ich mir leider auch nich mehr ;)

Anonym hat gesagt…

schöner Text, zauberhaft wie das Video, ...herzlich, du und dein Fernweh.