Freitag, Oktober 05, 2007

Der romantischste Kuss

Feierabend! Ich habe ein neues Lieblingsritual. Ich komme nach Hause und sehe mir die Wolken an. Das ist so wunderbar entspannend und es träumt sich so schön dahin. Seit ich letzte Woche einen Anruf aus dem Allgäu bekam, denke ich immer wieder an ein Wochenende vor 4 Jahren zurück.

Es ist eine verschneite Nacht und wir abschieden uns vor der Tür einer Kneipe. Der kleiner Ort ist um diese Zeit schon still, nur unten wird noch laute Musik gespielt. Wir hatten uns am Vormittag kennengelernt und für den Abend verabredet. Seine Freunde waren schon vorgefahren, er würde am nächsten Morgen folgen. Meine Freundinnen und ich hatten einfach spontan um eine Nacht verlängert. Wie es der Zufall will bekam ich ein Einzelzimmer, die zwei anderen Mädels ein Doppelzimmer. Nach einem sechsstündigem Gespräch standen wir uns gegenüber und keiner wollte sich verabschieden. Es war bitterkalt. Schüchtern standen sich eine 27jährige Frau und ein 34jähriger Mann gegenüber. Mein Hotel lag am anderen Ende des Ortes, so dass ich einen langen Fußweg vor mir hatte. Er konnte mich nicht mehr fahren, da er irgendwas Hochprozentiges getrunken hatte. Wir versprachen uns den Kontakt aufrecht zu erhalten und gaben uns schüchtern einen Kuss. Er ging. Ich holte mein Handy aus der Tasche und versuchte ein Taxi zu rufen. Die Zentrale ging ran, und meinte das es kein Taxi mehr geben würde. Ich ging wieder runter in die Kneipe, in der Hoffnung irgendwen zu finden, der mich zum Hotel fahren könnte. Natürlich war keiner mehr mit dem Auto da. Der nette Schweizer fragte mich nur kurz : " Wo hast du denn W. gelassen?"

Völlig durchgefroren und müde rief ich ihn an. Er schon längst in seinem Hotel angekommen, überlegte nicht lange, schnappte sich den Autoschlüssel und 5 Minuten später stand er vor mir. Die Schweizer fragten, ob wir sie ein Stück mitnehmen könnten, aber er verneinte. Wir fühlten beide die Erleichterung, dass wir uns noch einmal sehen konnten, und wenn es nur für diesen einen kurzen Weg war. Und dann sprach er es auch schon aus: Ich bin froh, dass ich dich zum Hotel fahren kann, dann darf ich dich vielleicht noch einmal küssen. Ich sah ihn an und lächelte.

Vor dem Hotel ließ er den Motor laufen und wir küssten uns, und küssten uns, und küssten uns, und küssten uns. Bis ich ihn fragte, ob er denn nicht mal den Motor ausstellen wolle. Er tat es. Wir küssten, küssten und küssten, und verschlangen uns fast. Noch nie hatte ich so geküsst. Da musste ich erst 27 Jahre alt werden. Irgendwann parkte er das Auto um, damit wir nicht mitten vor dem Eingang standen. Völlig unerwartet beichtete er mir eine Wette. Er hatte mit seinem Kollegen gewettet, dass er es schaffen würde 1 Jahr keine Frau anzufassen . Somit hätte er verloren. Wir küssten uns wild und innig. Ich wusste das er ein Mensch ist, der eigentlich nicht viel über Gefühle spricht, und auch nicht romantisch veranlagt ist. Doch in dieser Nacht im Auto erzählte er was von Feuerwerk in ihm. Ich war unsicher aber voller Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Natürlich gingen wir ins Hotelzimmer, aber wir kuschelten nur. Beide wollten nicht mehr, denn es hätte die Stimmung kaputt gemacht. Es war weich, zärtlich und ruhig. Wir rechneten die Kilometer zwischen uns aus, und überlegten wann wir uns wiedersehen könnten. Dieses war so gut wie unmöglich in den kommenden Monaten, da er ständig unterwegs war. Um sieben Uhr verließ er das Zimmer, er musste um acht beim Frühstück sein. Er bestand auf einen Anruf oder SMS von zu Hause aus.

Im Zug schlief ich ein. Ich sah aus wie der Tod persönlich. Zwei Tage später bekam ich eine SMS aus der Ferne von ihm. Wir behielten Kontakt, bis ich sogar eine Woche bei ihm verbrachte, aber die Entfernung war einfach so groß. Damals war ich noch an meinem alten Job gebunden. Außerdem erlitt er das gleiche Schicksal, welches ich Jahre zuvor schon erleben musste. Sein Vater verstarb nach schwerer Krankheit. Als ich ihn das letzte Mal sah, fragten wir uns was das zwischen uns war. Wir können es uns bis heute nicht erklären. Noch immer trage ich ab und an sein T-Shirt zum Schlafen, aber sein Haarband liegt in irgendeiner Schublade.

Einmal sagte er zu mir: S. , ich werde eh einsam mit einem Hund alt werden.
Ich glaube ihm das, denn er ist manchmal einfach so ein Einzelgänger, auch wenn er sich insgeheim eine Familie wünscht.

Kommentare:

René hat gesagt…

Wunderbar. Ich werde auch einsam mit einem Hund alt werden.

silli hat gesagt…

nein, so ein guter mensch wie du wird das sicher nicht, außer du willst es so. ;)
hauptsache man hat keine angst davor, aber da bist du ja ein guter lehrmeister.